Predigt am Reformationstag in Wittenberg

Liebe Schwestern und Brüder,

 

ich grüsse Sie herzlich im Namen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland und danke für das Privileg, hier in der Kirche des Reformators Martin Luther predigen zu dürfen. Für mich persönlich und für unsere kleine Kirche ist das eine grosse Ehre und Freude. 

 

Der Reformationstag ist in Russland wenig bekannt, obwohl es seit fast 500 Jahren in Russland christliche Gemeinden gibt, die sich der Reformation angeschlossen haben. So wird bereits im Jahre 1576 die erste lutherische Kirche in Moskau bezeugt. In den folgenden Jahrhunderten wuchs die lutherische Kirche besonders durch deutsche Migranten, die vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhuderts auf Einladung der Zarin Katharina II nach Russland kamen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Russland ungefähr 1 Million Menschen, die Lutheraner waren. Sie hatten im ganzen weiten Land – bis nach Wladiwostok – Kirchen gebaut und Schulen errichtet, und sie unterhielten Kranken- und Waisenhäuser.

 

Die sowjetische Herrschaft hat diese lutherische Kirche zerstört: Gottesdienste wurden verboten, Pastoren wurden in die Verbannung geschickt und ermordet, die kirchlichen Gebäude und die pädagogische und diakonische Arbeit wurden geschlossen und zerstört. 

 

Nach dem Ende der Sowjetunion sind in den vergangenen 30 Jahren die meisten Lutheraner, die die Zeit der Repression überlebt haben, ausgewandert – zurück nach Deutschland. Und so sind wir in Russland heute eine sehr kleine Kirche geworden, die wieder ganz am Anfang steht. Das was Paulus über die Christen in Korinth schreibt, gilt heute auch für uns: Es sind nicht viele Weise, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene. (1.Kor 1,18ff) 

 

So aber wollen wir in Russland neu Kirche Jesu Christi werden. Wir verabschieden uns von der Vorstellung, eine mächtige, einflussreiche Rolle in der Gesellschaft zu spielen wie noch im 19. Jahrhundert. Wir verabschieden uns von allen Versuchen, mit Hochmut und Stolz auf die Vergangenheit und die Leistungen der Lutheraner in der russischen Geschichte zurückzublicken. Wir stehen wieder am Anfang. 

 

An diesem Anfang fragen wir: Was haben wir wirklich? Was kann uns gewiß sein? Was ist ein verlässliches Fundament für unser Christsein? Und dabei werden Einsichten der Reformation wichtig. 

 

Wir lernen, dass es nicht so wichtig ist, dass die Kirche stattliche Gebäude, bunte Gewänder und wertvolle Kunstschätze besitzt. Vielmehr lernen wir von Martin Luther: “Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.” – so wie es in der 62. These heißt, die er damals am 31. Oktober 1517 da drüben an die Tür der Schlosskirche geschlagen haben soll. Luther hatte damals mit seinen Thesen dagegen protestiert, dass die päpstliche Kirche von den Gläubigen als Ablaß Geld sammelte, um zu ihrem eigenen Ruhm den prächtigen Petersdoms in Rom zu errichten. Und dass man den Menschen einredete, sie könnten bei Gott Wohlgefallen erlangen, wenn sie sich mit ihren Geldopfern daran beteiligten, hielt er für Blasphemie. 

 

“Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.” Dieser Schatz ist etwas, was wir wirklich haben und was uns gewiß ist. Das Evangelium, diese frohe Botschaft für die Menschen ist etwas ganz anderes und viel mehr als Ruhm und Anerkennung. Die frohe Botschaft des Evangeliums – das ist das Wort, mit dem Gott uns Menschen befreit von den Zwängen, mit denen wir uns gegenseitig erdrücken und zu Sklaven machen. Und es war die Reformation, die diese Seite der christlichen Botschaft wiederentdeckt hat. 

Martin Luther hatte den Apostel Paulus neu entdeckt. Und Paulus hatte es auf einen klaren Satz gebracht, wenn er im Galaterbrief schreibt: “Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!” (Gal 5,1) 

 

Als Christen in Russland durften wir erleben, dass vor etwas mehr als 20 Jahren das Joch der sowjetischen Herrschaft von uns genommen wurde. Und wir sind Gott von Herzen dankbar dafür. Wir können wieder als Christen leben in unserer Gesellschaft. Das ist eine große Gnade.

 

Die Frage ist aber: Hören wir auch, was Paulus im zweiten Teil seines Satzes sagt, wo er die Galater ermahnt: “So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen”? Ist jetzt, nachdem wir die gnädige Befreiung vom Joch der Knechtschaft erlebt haben, alles wieder gut? War es vielleicht nur eine Laune der Geschichte, eine teuflische Episode, dass wir 70 Jahre unter kommunistischer Herrschaft leben mußten – und jetzt ist alles wieder normal? 

 

Mit der Befreiung haben wir auch einen Auftrag bekommen. Unsere Freiheit ist teuer erkauft. Das gilt in zweierlei Hinsicht. Zum einen hat die Zeit der Repression in der Sowjetunion viele, viele Opfer gekostet. Menschen mußten sich verbiegen, um überleben zu können. Christen fühlten sich genötigt, ihren Glauben zu verleugnen und zu lügen. Viele haben ihren Glauben sogar mit dem Leben bezahlen müssen. Zum anderen gilt das auch für das Leben vor Gott. Paulus ermahnt die Gemeinde in Korinth, die in der Gefahr steht, die geschenkte Freiheit falsch zu verstehen. Freiheit entbindet nicht davon, verantwortlich zu leben. Wer alles nach Lust und Laune für gut und erlaubt hält, geht mit der Freiheit nicht richtig um. Ihnen sagt Paulus mit Bezug auf den Kreuzestod Christi (1Kor 2,2;3,22f): “Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte.” (1Kor 7,23)

 

Wie gehen Christen mit der geschenkten Freiheit richtig um? Zum einen können wir uns sicher sein, dass wir die Freiheit haben. Christus hat uns tatsächlich frei gemacht. Dieser Satz gilt. Wir brauchen uns vor nichts und niemandem zu ducken. Wir brauchen uns innerlich keiner noch so angstmachenden Gewalt zu beugen. “Und wenn die Welt voll Teufel wär’ und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.” Dieser trotzige Vers aus Luthers berühmter Nachdichtung des 46. Psalms macht uns stark, an der Befreiung durch Christus festzuhalten.

 

Gleichzeitig wissen wir, dass bei aller Freiheit unser Heil nicht in dieser Welt liegt. Als Menschen haben wir viel zu viele Unzulänglichkeiten, als dass wir das Himmelreich auf Erden erschaffen könnten. Realistisch betrachtet bleiben wir Menschen, die immer wieder scheitern, die immer wieder dem eigenen Egoismus und der Eitelkeit zum Opfer fallen. Wir Menschen sind so, wie der Apostel Paulus sagt: “Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, ... das tue ich.” (Röm 7,19) Nur hier und da gelingt es uns mit Gottes Gnade, ein Zeichen zu setzen. Hier und da können wir vielleicht der Welt zeigen, dass es möglich ist, aus Liebe und Erbarmen etwas Gutes zu tun. Hier und da können wir vielleicht unsere Freiheit nutzen und etwas mutiger sein, wenn wir erleben, dass Menschen in ihrer Würde verletzt werden. Vielleicht gelingt es uns auch manchmal, nicht dem Mammon und seinen Verlockungen nachzujagen. Als Menschen, die von Gottes Gnade wissen, haben wir eine Idee davon, wie eine Welt ohne Sünde aussehen kann. Bei Jesus Christus können wir es sehen. Und deshalb sollen wir davon erzählen, ja wir dürfen träumen, wie es in der Welt anders zugehen könnte. Die Gnade macht uns frei für Träume. Unter jedem Regime: Ivan dem Schrecklichen, Peter dem Grossen oder Putin dürfen wir träumen

 

 

In diesem Sommer wurden wir daran erinnert, wie ein bedeutender Zeuge Jesu Christi in einer großen Rede der Welt vor Augen geführt hat, wie es in ihr anders zugehen könnte. Vor 50 Jahren hielt Dr. Martin Luther King in Washigton seine berühmte Rede, die die Welt verändert hat: I have a dream.

 

So möchte auch ich zum Schluss meiner Predigt meine Träume mit Ihnen teilen: 

Ich träume, dass wir die Freiheit bewahren und auch anderen es gönnen, frei zu werden.

Ich träume, dass wahre Demokratie sich überall ohne Gewalt entwickeln kann. 

Ich träume, dass die Kirchen die eine, freimachende, frohe Botschaft Gottes predigen und nicht die Rolle von Marionetten des Staates spielen.

Ich träume, dass auch in meinem Land Russland Reformen möglich sind. 

Ich träume, dass auch bei uns ein freies Gericht und korruptionsfreie Bereiche existieren können.

Ich träume, dass Gott einst die Menschen beruft, für die der Glaube an die Freiheit zum "ultimate concern" wird.

Ich träume, dass auch unsere kleine lutherische Kirche dazu einen Beitrag leisten kann.

 

Diese Träume mögen naiv klingen. Wir sollten uns aber die Freiheit zu träumen bewahren. So schreibt der Apostel Paulus: “Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!” 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Jesus Christus unserem Herrn.

 

Amen

 

31.10.2013 Wittenberg