Lk.8:4-8

Jesus erzählt der großen Menschenmenge das Gleichnis vom Sämann. Gott ist der Sämann, und er sät den Samen des Wortes. Diese Samen fallen bei den Menschen auf unterschiedlichen Boden. Die einen gleichen denen, die am Weg gepflanzt sind. Da kommt der Teufel und nimmt ihnen das Wort wieder weg. Bei anderen ist der Boden steinig. Deshalb kann das Wort in ihnen keine Wurzeln schlagen. Wenn Prüfungen kommen, fallen sie ab. Bei denen, deren Boden mit Dornen bewachsen ist, sprosst etwas, aber der Alltag und die Versuchungen gewinnen die Oberhand, und es gibt keine Frucht. Ein guter menschlicher Boden bewahrt das Wort Gottes und bringt Frucht.

Es ist schwer zu sagen, ob es hier um unterschiedliche Menschengruppen geht oder ob der Boden in jedem Menschen vielschichtig ist. Vielleicht finden sich in jedem von uns auch Leichtsinn und Oberflächlichkeit, und wir sind ständig Einflüssen von außen ausgesetzt? Vielleicht sind wir manchmal verhärtet und kalt, eigensinnig und egoistisch, so dass das Wort Gottes keine lebendige Antwort in uns finden kann? Vielleicht sind wir teilweise offen für Gott, aber wir vertrauen ihm nicht völlig, weil das Leben so schwierig und vieldeutig ist? 

Wahrscheinlich durchläuft jeder von uns auch Lebensphasen, in denen wir Dürre oder Dornen in uns spüren oder keinen Grund finden und unsere Wurzeln verloren haben.

In jedem Fall besteht das Ziel dieses Gleichnisses weniger darin, die Menschen in Kategorien einzuteilen, als vielmehr darin, vor Oberflächlichkeit zu warnen und die Freude eines fruchtbringenden Lebens aufzuzeigen. Denn letztendlich führt ein schlechter Boden zum Verlust des Lebens, und das ist das eigentlich Böse daran. Und ein guter Boden gibt Leben und bringt Frucht für seine Weiterführung. Die Menschen, die Gottes Wort hören, empfangen so das Leben selbst. Das heißt, in diesem Wort steckt eine große Kraft. 

Worte umgeben uns von allen Seiten. Wir wissen oft nicht, wem wir glauben sollen. Im Film "Leviathan" von  Andrei Zvyagintsev sagt einer der Charaktere, er glaube an Tatsachen. Alle diese Tatsachen aber zerschellen am Bösen, und mit ihnen der Glaube an sie. Und was betrachten wir eigentlich als Tatsache? Jeder verkündet seine eigenen Tatsachen und seine eigene Wahrheit. 

Ein weiteres Mal wurde dies vor unseren Augen durch die Ereignisse bestätigt, die zur Vertrauenskrise zwischen Russland und der Ukraine und später zwischen Russland und der westlichen Welt geführt haben. Jede Seite weist ausführlich nach, dass sie Recht hat, und führt dabei Tatsachen und Beweise an. Und alle diese Worte erweisen sich als falsch und tot. Denn sie bewirken nichts als Trennung und weitere Verhärtung. Die Menschen brauchen aber das Wort, das Frieden bringt, das über allen Kränkungen und allen Interessen steht. Das Wort, das fähig ist, zu heilen und Leben zu geben. Das Wort von oben. Aber es muss ja auch gehört werden. Und dann auch weitergegeben. 

In der Kirche auf der Erde und in ihrem Namen werden viele Worte gesprochen. Worte über Gott, über Werte und Gebote. Aber so manches Mal steht sie in der Gefahr, eine Art geistliche Mauer vor der Welt zu errichten. Mit ihren Worten schafft sie sich manchmal einen bequemen frommen Raum, der von der Welt abgeschottet ist. Darin besteht ihr Selbstbetrug. Denn so baut sie sich ein Luftschloss, und in der Welt wird sie zu einer bloßen Subkultur mit allen typischen Attributen, auch den verbalen. 

Die Kirche empfängt das Wort Gottes und gibt es weiter. Das ist ihr Hauptauftrag. Führt sie diesen Auftrag immer aus? Manchmal gleicht sie selbst einem unfruchtbaren Boden, auf dem das Wort Gottes nicht überlebt, sondern zum toten Buchstaben wird. 

Das geschieht jedes Mal, wenn sie vergisst, um wessen Wort es sich handelt, und versucht, es sich zu eigen zu machen. Manchmal gebraucht die Kirche Gottes Wort, um ihre eigene Macht und Autorität zu festigen. Aber die Hauptaufgabe der Kirche ist es doch, das Wort so zu predigen, dass es in die Seele des Menschen gesät wird, damit Gottes Geist sein Herz erreicht. 

Die Kirche soll nicht herrschen, sondern den Menschen dienen und von Christus leben. Die Braut darf niemals ihren Bräutigam vergessen, sonst wird sie zur Witwe. 

Es ist kein Zufall, dass das Wort mit einem Samen verglichen wird. Nicht nur Überzeugungsarbeit und Rhetorik sind gefragt. Es soll Sprosse und Früchte geben. Das Wort schafft Leben. So wie in einem kleinen Samenkorn eine riesige Lebenskraft steckt, so wird uns auch in Gottes Wort Lebenskraft geschenkt. 

Es geht im Gleichnis vom Sämann in erster Linie um das Vertrauen zu Gottes Wort. Das Mensch gewordene Wort Gottes, Gottes Logos, ist Christus selbst. 

Wir sind versklavt von Worten, die aus dem Mund von Politikern und Führern, Propagandisten und Medien, Subkulturen und Vertretern von Eliten ergehen. Aber der Lauf der Zeit selbst wird alle diese Stimmen zum Schweigen bringen. Das Wort Gottes aber, Christus, bleibt ewig. Seine rettende Wahrheit ist stärker als die Lüge und die Sünde des Menschen. Das Wort Gottes ist selbst dann und gerade dann tröstend, wenn wir schwach und hilflos sind. Christus ist unser Retter und der Herr seiner Kirche. 

Die Kirche oder der einzelne Gläubige sind nicht aus sich selbst heraus lebendig und stark, sondern nur in Christus. Solange in der Kirche das Wort Gottes erklingt, ist sie die Kirche Christi. Dieses Wort, Christus, gibt uns Leben. 

Ein Zeugnis für die Wahrheit und Lebensnähe des Wortes Gottes ist unsere eigene lutherische Kirche in Russland. Wie oft in ihrer Geschichte wurde sie von einem Menschenwort zu Vertreibung und Vernichtung verurteilt? Wie oft hat ein Menschenwort die Gläubigen verunglimpft und verflucht? Wie oft hat das Wort eines Menschen versucht, das Wort Gottes zum Schweigen zu bringen? Aber es geschah das Gegenteil. Gottes Wort erklang unter Menschen, deren einzige Hoffnung Christus war. Es strahlte mit dem Licht der Wahrheit inmitten von Lüge und Finsternis. Es schenkte Frieden und Leben inmitten des Todes, es wuchs trotz allem, auch auf dem leblosesten Boden. 

Dasselbe Wort Gottes ruft uns auch heute hierher in die Sankt Petri- und Paulikirche, damit wir uns ihm erneut anvertrauen. Damit wir zu jeder Zeit mit Hoffnung in die Zukunft blicken, denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Wir können wirklich nicht wissen, in wem und in welchem Moment der Same des Wortes aufsprießen wird und wann er sichtbare Früchte bringen wird. Wir haben den gesegneten Auftrag, es zu verkündigen, mit unserem Leben seine Wahrheit zu bezeugen und Gott im Gebet die Sorge für die Sprosse und Früchte anzuvertrauen!